Am Freitagmorgen wollte ich eigentlich das Frühstück um 8 Uhr nehmen, um danach die wiederum lange Autoetappe früh in Angriff nehmen zu können – eigentlich. Denn Idriss, der Gastgeber, verschlief das Frühstück einfach, was wohl auch mit seinem Haschisch-Konsum vom Vorabend zu tun haben könnte. Dass der Gastgeber die Frühstückszeit verschläft, vor allem wenn diese vor 9 Uhr ist, das habe ich nun schon in diversen Hotel-Reviews in Marokko gelesen, auch wenn die Hotels ansonsten hervorragend bewertet sind! Ich entschloss mich deshalb, das Geld an der Rezeption zu hinterlegen und mich auf den Weg zu machen. Da ich noch ein Parade-Foto von Aït-Ben-Haddou im Sonnenaufgang wollte, fuhr ich jedoch nochmals die 3 Kilometer in die Gegenrichtung meiner geplanten Route, auch um Idriss noch eine Chance zu geben für ein verspätetes Frühstück. Dies klappte dann auch und ich genoss ein sehr leckeres Frühstück auf der sonnigen Terrasse.

Das «Bilderbuch-Foto» von Aït-Ben-Haddou im Sonnenaufgang, mit Schneebergen im Hintergrund

Die Fahrt durch das Atlas-Gebirge war eindrücklich kurvig und ich genoss die vielfältigen Aussichten auf Kasbahs, Oasen und Berge mit unterschiedlichen geologischen Formationen und Farben.

Besonders gut gefiel mir die Kasbah in Taurirt, welche im Inneren einige Räume mit allerfeinster Handwerkskunst hatte, ähnlich wie ich es schon in Marrakech gesehen hatte.

Inmitten des Tals traf ich Patrick und Rachel, welche ich auf dieser Reise schon einmal getroffen hatte. Wir freuten uns sehr über die erneute Begegnung. Auf dem Tizi-N-Tika-Pass angekommen, war ich inmitten des Schnees! Abgesehen von einigen Schlaglöchern und Verkäufern, die es auf Touristen abgesehen haben, hätte ich die Landschaft kaum von der Schweiz unterscheiden können.

Eine schier endlose Abfahrt in Richtung Marrakech begann und ich verstand sehr gut, weshalb sich Patrick und Rachel entschieden hatten, mit einem Taxi auf den Pass hochzufahren. In Ait Ourir angekommen, welches ca. 35 Kilometer von Marrakech entfernt lag, legte ich eine Pause ein, um mich mit neuem Bargeld zu versorgen, da ich dasjenige aus der Schweiz mittlerweile umgetauscht und aufgebraucht hatte und ich mir mit den verbleibenden 15 Dirham leider nicht mal mehr ein Mittagessen leisten konnte. Ich nutzte dazu die App “World Remit”, die ich sehr empfehlen kann.

Dass mein nächstes Ziel, die Ouzoud-Wasserfälle, mit ihren 110 Metern Höhe und den wilden Affen viele Touristen anziehen, war mir bewusst, jedoch nicht das Ausmass. Bisher habe ich fast alle Marokkaner als respektvoll empfunden, was mir in Ouzoud begegnete, übertraf aber leider meine bisherigen negativen Erfahrungen. Bereits einige Kilometer vor Ouzoud waren Kinder nahe der Strasse, welche nicht nur zuwinkten, sondern in Richtung Strasse liefen und nach Geld fragten. So etwas finde ich nicht nur respektlos sondern auch Zeichen einer schlechten Erziehung seitens der Eltern. In solchen Fällen greife ich deshalb tief in meine Abwimmlungs-Strategien-Kiste und verwende zusätzlich zum Hupen abwechslungsweise Ausdrücke wie “heschuma” (“das macht man nicht!”), “a7taramu nafsuku(m)” (“respektiert euch selber”) und “chalas, maeschi” (“es reicht, verstanden?”). Etwas weniger hart, aber ebenso bestimmt, gehe ich vor, wenn ich kurz nach dem Aussteigen aus dem Auto gleich von lokalen “guides“ oder Verkäufern angesprochen werde, die mir irgendetwas aufhalsen wollte. An dieser Stelle passt wohl eine schematische Darstellung meiner Abwimmlungsstrategien (danke an meine Arabischlehrerin Juliette Kaltenrieder-Farag für die Korrekturen).

Die Wasserfälle waren zwar eindrücklich, ich konnte sie jedoch aufgrund der vielen Verkäufern entlang des gesamten Weges dorthin nicht wirklich so geniessen, wie ich es mir erhofft hatte. Ich befürchtete im Vorfeld der Besichtigung, die dort lebenden Affen könnten frech sein und freie Gegenstände stehlen, dem war jedoch nicht so, die Affen waren an den Menschen uninteressiert und führten ihr eigenes entspanntes Leben. Vielleicht sollten sich die lokalen Menschen in Ouzoud einmal eine Scheibe von den Affen abschneiden.

Da mir die Ortschaft mit ihren vielen Touristenfallen so unglaublich unsymphatisch war, entschloss ich mich, trotz der Dämmerung noch ein Stück weiterzufahren, da ich lieber ein lokales Hotel an einem entlegenen Ort unterstützen möchte, an welchem sich die Menschen wirklich für die Gäste interessieren und sich um sie kümmern, als einen wummernden Tourismus-Frachter mitzufinanzieren.

Dies war nicht nur landschaftlich, sondern auch in vielen weiteren Hinsichten eine hervorragende Idee. Ich konnte kaum genug einsaugen von der epischen Landschaft, welche in Abendrot getaucht war.

Auf dem Weg in die etwas unbedeutende Ortschaft Beni Mellal suchten meine Freundin und ich übers Telefon verbunden gemeinsam nach einem Hotel und fanden etwas, das sich nicht nur als goldrichtig erwies, sondern bisher eines der herausragendsten und schönsten Hotels war, in denen ich je war. Es befand sich, so gut man das sagen kann, wirklich im Nichts und war zugleich das Gegenteil des Nichts. Ich musste nochmals ca. 20 Kilometer aus Beni Mellal herausfahren in Richtung Berge, wo ich dann auf einer nicht-asphaltierten Strasse ca. 2 Kilometer durch Olivenhaine fuhr. Als ich am Ende des Weges im Hotel ankam, stand ich plötzlich inmitten einer anderen Welt. Das Hotel war eines vom Typ, das man entweder hasst oder liebt – dazwischen gibt es wohl wenig. Am Eingang des Hotels empfing mich Ali, der Besitzer, welcher mit seinen ganz schwarzen Kleidern, dem farbigen Nasenpiercing und dem langen Zopf, welcher aus seiner schwarzen Kappe herauskam, gleichzeitig einen sehr gepflegten wie auch exzentrischen Eindruck erweckte. Der erste Eindruck vom Hotel war sauber und geräumig. Ich konnte mein Auto auf einem schönen, mit farbigen Mosaikstücken dekorierten Boden und unter einer speziellen Pergola parkieren. Ein geschmückter Weg führte mich schliesslich ins Restaurant, wo ich im Garten ein fantastisches Abendessen genoss, wie ich es bisher noch nie hatte auf der Reise.

Mein Staunen über die verspielte, kreative und spannende Dekoration nahm kein Ende und ich merkte, dass ich am richtigen Ort angelangt war. 

Nach dem Abendessen zeigte mir Ali mein Zimmer, welches – ich hätte es bei diesem Grad an Kreativität und Erfindertum wissen müssen – kein Zimmer war, sondern – ein Haus! Im Haus kam ich ebenfalls kaum aus dem Staunen heraus und dachte, so müsse es sich wohl etwa anfühlen, wenn man in ein Hotel geht und LSD genommen hat. Das Haus war jedoch nicht nur unglaublich kreativ, sondern auch sauber, komfortabel und riesig gross. Ich konnte mein Glück kaum fassen und freute mich sehr, an diesem speziellen Ort schlafen zu dürfen.

Meine Route bisher ist in der Karte oben wie folgt dargestellt: 

One Response