Nachdem mir der Gastgeber des Dar Al Fassia, der seit 30 Jahren in Oujda lebt, gesagt hatte, dass es in Oujda wirklich gar nichts zu sehen gäbe, fühlte ich mich in meiner Absicht legitimiert, die Ortschaft am Dienstagmorgen früh und direkt zu verlassen, um die lange Strecke durch die Wüste in Richtung Süden zu bewältigen.
Schon bald bewahrheiteten sich auch andere Aussagen des Gastgebers, nämlich, dass man auf der Strecke in Richtung Süden merkt, dass die Erde rund ist. Auf mehreren hundert Kilometern sah ich überhaupt nichts anderes ausser Wüste, mal mit felsigerem, mal mit sandigerem Boden. Weder Berge, Bäume noch sonst irgendetwas säumten den Weg. Eine sehr seltsame und spannende Erfahrung, stundenlang durch diese sehr monotone Landschaft zu fahren! Umso mehr konnte ich mich auf dieser Strecke meinen Gedanken widmen. In der Wüste wird mir jedes Mal bewusst, wie unwichtig und klein jeder einzelne Mensch für sich eigentlich ist, sowie auch, dass das Leben, zumindest in meinem Verständnis, zeitlich begrenzt ist. Ich geniesse jedes Mal enorm die Erfahrung des Auf-Sich-Selbst-Zurückgeworfen-Seins, welche ich in der Wüste, aber auch sonst bei Reisen in entlegenen Gegenden häufig mache. Fährt man den ganzen Tag allein, fängt man an, sich existenzielle Fragen zu stellen: Wer beurteilt den Erfolg oder Misserfolg meines Lebens ausser ich selber? Mache ich wirklich das im Leben, womit ICH zufrieden bin? Würde ich, wenn ich auf dem Sterbebett auf mein Leben zurückschaue, nochmals alles gleich machen? Orientiere ich mich an meinen Zielen oder erfülle ich Erwartungen von anderen? Ich bin dankbar, mir aktuell solche Fragen stellen zu können und mich fernab von anderen Menschen in meine Gedanken hineinzubegeben.
Um die Mittagszeit kam ich in der südöstlich gelegenen Stadt Bouarfa an und bestellte ein Sandwich mit Pommes Frites zum Mittagessen. Als ich mich an den Tisch nahe der Strasse setzte, um etwas Sonne zu tanken, stellte sich ein Mann vor mich hin und fing an, mich zu fragen woher, ich sei. Ich war in einer sehr belebten Strasse, also hatte ich keine Angst. Mittlerweile gehe ich davon aus, dass die Frage nach der Herkunft zwar reine Neugierde sein kann, häufig ist sie aber auch klar mit einer Einschätzung der Zahlungskräftigkeit verbunden. Ich habe deshalb die Strategie entwickelt, zu sagen, ich sei aus Bulgarien, und zu behaupten, ich verstehe kein Französisch. Diese hat sich, zumindest aus meiner Sicht, in Bezug auf den Mann als sehr erfolgreich erwiesen, da er kurz nachdem ich “Bulgaria” sagte, an Interesse verlor. Nichtsdestotrotz versuchte er noch mehrmals, mit mir auf Französisch zu sprechen, ich sagte aber jedes Mal “sorry, I don’t understand” (wohl in zu Amerikanischem Akzent, da er noch sagte, er sei auch schon in Boston gewesen). Ich ass das Sandwich fertig und überliess ihm die Pommes Frites, die er dann aufass. Ich fuhr weiter und war froh, die Situation so bewältigt zu haben. Zu meinen Verteidigungs-Strategien werde ich dann später noch mehr schreiben.
Die Landschaft wurde langsam spannender, da im fernen Hintergrund Berge sichtbar wurden, und die Strasse war sehr angenehm.

Nach einigen hundert Kilometern traf ich Justine und Thomas, ein richtiges Abenteurer-Paar, welches seit mehreren Monaten mit dem Fahrrad von Paris her unterwegs ist und seit drei Wochen von Oujda, von welchem ich ja erst am Morgen losgefahren war. Wir hatten einen sehr angeregten Austausch und sie erzählten mir, sie hätten viel Gegenwind gehabt, weswegen sie zum Teil kaum mehr als im Schritttempo vorwärtsgekommen seien, dafür waren sie mehrmals zu Berber-Familien nach Hause eingeladen worden, wovon sie auf ihrer Instagram-Seite wunderschöne Fotos veröffentlicht haben.
Ich freute mich sehr über die angenehme Begegnung und fuhr Richtung Wüste weiter. Plötzlich öffnete sich vor mir ein eindrückliches Tal und eine Sicht auf eine ausgedehnte Oase, durch welche ich dann bis zur Wüste fuhr.

Um ca. 18.30 Uhr kam ich am Ziel an, in der Ortschaft Merzouga, welche das touristische Eingangstor zur Sahara-Wüste bildet. Nun musste ich mich noch für ein Hotel entscheiden, was ich, wie häufig auf dieser Tour, erst bei der Ankunft tat, um die Flexibilität für Planänderungen zu behalten, falls ich einmal eine kürzere, längere oder andere Strecke machen wollte. Grundsätzlich gibt es in Merzouga zwei Arten von Unterkünften: entweder ein klassisches Hotel in der Ortschaft Merzouga oder ein “Zelt-Camp” in der Wüste. Zur zweiten Option hatte ich einige Vorbehalte, da ich in Online-Review las, es gäbe viel zu viele von diesen Camps aneinander und es sei sehr touristisch. Ich hatte mich deshalb schon fast für die erste Option entschieden, änderte meine Entscheidung jedoch dann nochmals, da ich ohnehin nur eine Nacht in der Wüste bleiben wollte und ich mir sagte, somit wenigstens eine neue Erfahrung zu machen. Ich fuhr also zum Abholstandort in Merzouga, wo ich mein Auto stehenliess und per Allrad-Offroader in die Wüste gebracht wurde. Die Abholzeit hatte ich perfekt abgestimmt, da ich so in den Genuss eines wunderschönen Sonnenuntergangs in der Wüste kam.





Angekommen im Camp gab es einen Tee und ein leckeres Abendessen, welches ich in angenehmer Gesellschaft von spanischen und italienischen Reisenden genoss. Bezüglich des Zeltes hatte ich tiefe Erwartungen, welche vollumfänglich “erfüllt” wurden: Die “Zelt-Camps” hatten kaum etwas mit Zelten zu tun, da sie fix aufgebaut und mit Metallstrukturen und Beton verstärkt sind, sowie Strom- und Wasser-Anschluss besitzen. Wenn man sich für die “Luxus”-Variante entscheidet, was ich mangels Lust, das touristische Gewerbe zu unterstützen, nicht gemacht habe, hat man ein etwas grösseres Zelt aus reinem Zelt-Stoff, der weniger stinkt als die Zelte mit etwas modrig riechenden Baumwolldecken, und das Camp sieht insgesamt etwas sauberer aus, das ist es aber dann auch schon. Der grösste “Witz” an diesen Zelt-Camps ist aber, dass sie nicht in der Wüste, sondern am Rand der Wüste stehen und immer so fotografiert sind, dass es so aussieht, als wären sie in der Wüste. Die Merzouga-Dünen sind zwar enorm eindrücklich und riesig, allerdings ist das Sandwüsten-Gebiet nur ca. 10 mal 20 Kilometer gross, so dass man einfach mit dem Offroader in ca. 15 Minuten von der einen Seite auf die andere gefahren werden kann. Nicht zu vergleichen mit meiner kürzlichen Reise in Ägypten, wo wir fernab der Zivilisation allein in der Wüste waren und den Sternenhimmel ohne Lichtverschmutzung geniessen konnten. Trotz der schönen Erlebnisse freute ich mich dementsprechend bereits darauf, am nächsten Tag wieder von der “Touristischen Abspeisungsfabrik” abreisen zu dürfen.
Meine Route bisher ist in der Karte oben wie folgt dargestellt:
- In Blau sind Abschnitte, welche ich mit dem Fahrrad gefahren bin
- In Grau sind Abschnitte, welche ich per Bus oder Taxi gefahren bin (Veloverlad)
- In Schwarz sind Abschnitte, welche ich mit dem Auto gefahren bin (Fahrrad in Fès zurückgelassen).
Schön deine Fotos. Ich war auch mal dort in der Wüste an einem 5 Rhytm-Workshop über Neujahr. Es gab immer dasselbe Vegi Tagine, und denselben Salat, es war sehr einseitig das Essen, die ersten 3 Tage fanden wir es sehr lecker dann wars etwas eintönig…wir haben immer vom feinen Olivenöl über alles geschüttet….
Danke für deine Berichte, lese es sehr gern.
Ja, das kann ich gut verstehen… ich habe die letzten Tage in Fès absichtlich nur touristische Sachen wie Pasta und Tacos gegessen, sozusagen prophylaktisch um eine Tajine-Überdosis zu vermeiden 😂
Liebe Gruess, heute geht es mit dem Velo weiter nach Meknès!
…leider kann ich die Kartenroute nicht sehen, bei mir geht das Ding nicht auf….