Am Sonntag habe ich, gut ausgeschlafen und nach einem leckeren Frühstück im schönen Hotel “Dar D’Or”, die genauere Route für die nächsten Tage geplant. Wie in vorherigen Posts angetönt, plante ich, ein Auto zu mieten und in den südlichen Atlas zu fahren. Wie die meisten Leser wohl wissen, bin ich nicht besonders Auto-affin, vielmehr bevorzuge ich das Radfahren aus verschiedenen Gründen. Nichtsdestotrotz wollte ich eine einwöchige Pause einlegen und einige Landesteile mit dem Auto befahren, insbesondere aus den folgenden Gründen: Erstens habe ich mangels Interesse und Bedarf am Autofahren erst Ende letzten Jahres meinen Führerschein gemacht und möchte nun noch im wahrsten Sinne des Wortes etwas «Er-Fahrung» gewinnen, insbesondere auf manuell geschalteten Autos, mit welchen ich bisher wenig gefahren bin. Zweitens wollte ich mir eine körperliche Ruhepause vor einigen anstrengenden Etappen ab Fès gönnen. Nicht zuletzt schien es mir sinnvoll, einige sehr anspruchsvolle und ausgedehnte Landesteile mit dem Auto statt dem Velo zu besichtigen, und mich körperlich etwas auszuruhen. Zu letzterem Punkt gibt es zu sagen, dass ich vor einigen Tagen mein Knie beim Einladen des Fahrrads in den Bus irgendwo angeschlagen habe, ohne es im Moment zu merken, kurz darauf verspürte ich jedoch starke Schmerzen im Knie. Ich spüre mein Knie immer noch, insbesondere bei gewissen Bewegungen wie Treppenlaufen. Ich entschied mich also trotz gemischten Gefühlen gegenüber dem Autofahren dazu, das Transportmittel während einer Woche zu ändern. Mehr dazu dann später.
Als mir Namir, der Gastgeber des Dar D’Or, erklärte, dass die Passstrasse in den Süden (Fès – Merzouga) aktuell schneebedeckt und nicht befahrbar sei, musste ich mich zwischen regnerischen Tagen in Fès und einer Alternativroute mit dem Auto entscheiden. Nach einigen Abklärungen zu Alternativrouten und Grosswetterlage entschied ich mich für die zweite Variante. Als ich mir die Wettervorhersage in Marokko genauer anschaute, sah ich, dass das Wetter auch im Norden schön werden soll. Da kam mir die Idee: ich fahre in den Norden und fahre mit dem Auto die Route der südlichen Mittelmeerküste entlang, welche ich nicht geplant habe mit dem Fahrrad zu befahren aufgrund der enorm starken Steigungen entlang der Küste. Der Plan war, dass ich der Mittelmeerküste entlang in den östlichsten Teil des Landes fahre, um via Wüste nach Merzouga im Süden des Landes zu fahren und somit das Atlas-Gebirge zu umfahren. Da dieser Plan einige Zeit dauert, mietete ich das Auto für eine Woche.
Weil Namir als ehemaliger Touristen-Fahrer gute Kontakte hat und mir ein fast neues Mietauto zu einem attraktiven Preis in Fès vermitteln konnte, startete ich diese Route noch am selben Tag. Das Auto ist ein fast neuer Dacia Sandero in schwarz, der so gut wie alles bietet, was man sich wünschen kann (AC, Tempometer, Handy-Halterung, Bluetooth, sparsamer Diesel-Motor usw.). Hierzulande sieht man extrem viele Dacia-Autos, das scheint in Marokko ein beliebtes, da erschwingliches Modell zu sein.
Losgefahren mit dem Auto fuhr ich zuerst einen ca. 40 Kilometer langen Strassenabschnitt in Richtung Norden, auf welchem aufgrund der enorm vielen Schlaglöcher komplexes räumliches Vorstellungsvermögen und Kalkül vonnöten waren, so dass ich ordentlich ins Schwitzen kam. Als ich und das Auto diesen Strassenabschnitt überstanden hatten, wurde die Strasse wieder etwas angenehmer.

Schnell merkte ich jedoch, dass das Auto eigentlich nicht mein Lieblings-Transportmittel ist und geriet in eine kleinere Sinnkrise. Weshalb fahre ich überhaupt mit dem Auto herum, wenn ich mich gar nicht wirklich auf die Umgebung konzentrieren kann, sondern ständig nur auf die Strassen, Signalisationen und anderen Verkehrsteilnehmer schauen muss? Was bringt es mir, weiter zu kommen an einem Tag, wenn ich alles Gesehene nur mit gefühlten 5% der Intensität des Velofahrens gesehen habe? Irgendwie war ich auf eine etwas traurige Art entfremdet und fing an, all meine bisher unglaublich schönen Erlebnissen zu vermissen, welchen der Charme einer gewissen Rauheit genauso anhaftet wie die Wärme der Menschen, welche mich mit viel Begeisterung bisher auf meiner Veloreise begleitet haben. Nun brauste ich nur noch von Dorf zu Dorf und hatte überhaupt keine Begegnungen mehr. Auch die schreienden Kinder, die sich immer in den Weg stellten und mich als Velofahrer grüssten, vermisste ich, denn sobald sie mich erblickt hatten und losrannten, liess ich nun bereits ihre begeisterten Gesichter hinter mir. Selbst die bellenden Hunde vermisste ich schon fast, denn nun bestand meine Aufgabe nur noch darin, zu schauen, dass ich sie nicht überfuhr. Wenngleich ich das Bellen noch nicht wirklich vermisse, so habe ich nun doch viel mehr Liebe und Wertschätzung für die Hunde entwickelt, welche ihre Schafe beschützen und Häuser bewachen und von vielen Autofahrern beinahe umgefahren werden. Tote Hunde entlang des Wegrandes habe ich bereits einige auf dieser Reise gesehen. Auch für die wenigen Menschen, die ich nun noch traf, war ich nur noch ein durchschnittlicher Autofahrer, der sich an einer Raststätte oder in einem Laden kurz ausruhen will und dafür zur Kasse gebeten wird. Weg waren die Möglichkeiten, jederzeit kurz anzuhalten und die Landschaft aus dem (für mich) perfekten Winkel zu fotografieren, sowie dabei von Menschen neugierig angesprochen zu werden. Auch vermisste ich die vielen Leute, welche mir jeweils zujubeln und mich anspornen, die Velotour weiterzumachen. Insgesamt fühlt sich das Alleine-Unterwegs-Sein im Auto doch viel einsamer an, als ich gedacht hatte, währenddem das Gefühl von Einsamkeit bisher kein einziges Mal auf der Reise aufkam. Ich wollte positiv bleiben, war aber trotzdem irgendwie himmeltraurig allein im Auto, in dieser Blechkiste, die mich von der Umwelt absorbiert, mich uninteressant macht, die mir zwar mehr Landschaften zu sehen ermöglicht, gleichzeitig aber die Intensität jeder Landschaft verringert.
Je länger ich fuhr, desto mehr fiel mir auf, was ich sonst noch vom Velofahren vermisste: Die körperliche Anstrengung und die Freude, auf einem Gipfel angekommen zu sein, die Gerüche, die Klänge, das Gefühl salziger, trockener oder feuchter Luft auf der Haut, die Sonnenstrahlen, das Vogelzwitschern und der uneingeschränkte Blick auf den Himmel. Die Tatsache, dass wohl die meisten Menschen in Marokko primär im Auto von Stadt zu Stadt reisen und dass auch sonst das Auto das wohl wichtigste Fortbewegungsmittel weltweit ist, stimmte mich nachdenklich. Haben wir vergessen, dass es noch andere Reize gibt ausser visuelle? Und weshalb reduzieren wir selbst den visuellen Reiz auf einen Fernsehbild-grossen Ausschnitt vor uns und interessieren uns nicht für den ganzen Himmel über uns? Mein persönliches Fazit nach zwei Tagen Autofahren ist klar: Das Auto ist ein fantastisches Fortbewegungsmittel für viele Menschen, aber definitiv nicht mein liebstes Reisetransportmittel. Ich werde ihm jetzt aber trotzdem noch eine Chance geben und schauen, ob sich meine Eindrücke nach einer Woche Autofahren bestätigen oder nicht. Sofern es danach meinem Knie wieder gut geht, wäre damit ja schon etwas Wichtiges erreicht.
Ich genoss die vielen an mir vorbeiziehenden Eindrücke trotzdem in vollen Zügen und versuchte, mir über die genannten Punkte nicht zu viele Gedanken zu machen.
Nach etwa 250 Kilometern und hunderten von Höhenmetern kam ich in Chefchaouen an und war überwältigt von der schönen Aussicht. Chefchaouen ist eine Art marokkanisches Santorini, eine blau bemalte Stadt auf ca. 1600 M.ü.M. inmitten einer beeindruckenden Berglandschaft und nahe vom Mittelmeer. Hier sprechen die meisten Leute Spanisch und viele spanische, insbesondere junge Touristen kommen nach Chefchaouen, wohl auch, da Chefchaouen “die marokkanische Hauptstadt des Cannabis” ist, zumindest so wurde es mir vorgestellt. Bezüglich Hotel wurde ich glücklicherweise schnell fündig und erhielt ein Familenzimmer im Hotel “Casa Azul Usha” zum Preis von 18 Franken/Nacht. Das Hotel war perfekt sauber und schön eingerichtet und ich war froh, wieder die Marokkanische Gastfreundschaft zu spüren, sowie den Charme von rauer, herzhafter Einfachheit.


Meine Route bisher ist in der Karte oben wie folgt dargestellt:
- In Blau sind Abschnitte, welche ich mit dem Fahrrad gefahren bin
- In Grau sind Abschnitte, welche ich per Bus oder Taxi gefahren bin (Veloverlad)
- In Schwarz sind Abschnitte, welche ich mit dem Auto gefahren bin (Fahrrad in Fès zurückgelassen).
Ach wie gut ich Dich verstehe! Ja das Fahrrad ist auch mein Lieblingstransportmittel, da ich so mit meiner Umgebung verbunden bin und die Naturkräfte an meinem Leib spüre. Trotzdem hast Du nun Vieles gesehen, was Du sonst nicht hättest sehen können und manchmal ist ja so ein Auto auch ganz praktisch, auch Fahrerfahrung zu machen scheint mir sinnvoll nachdem Du nun die Fahrprüfung hast:-) Sehr schöne Bilder! Danke
Danke für deinen Bericht und deine persönlichen Gedanken. Drivers Seat, auch ein Ausdruck der mir gefällt…Trinkst du bitte mal ein Glas frisch gepressten Granatapfelsaft für mich? Oder sind die momentan nicht so Saison? Viel Glück und Mut für alles was kommt <3
Gern geschehen! Ja, einen Granatapfelsaft hatte ich schon ein paarmal hier, das ist wirklich sehr lecker! Allerdings ist die Saison glaube ich schon langsam vorbei und ich finde immer weniger Granatapfel-Stände… Dafür gibt es nun überall leckeren Orangensaft 😋
Liebe Gruess aus Fès und bis bald, Cyril