Am Donnerstag legte ich einen Ruhetag ein, welchen ich mehrheitlich dazu nutzte, Arabisch zu lernen, Emails zu beantworten und meine beanspruchten Beine auf der schönen Dachterrasse des Riads zu entspannen.

Als ich am Mittag in der zentralen Strasse der Medina (Altstadt) ein Sandwich holen ging, sprach mich ein Mann an. Normalerweise wimmle ich solche Leute immer gerade ab und lehne jegliche Arten von Angeboten ab, ich will aber nicht jedes Mal unfreundlich sein. Der Mann wollte mir ein spannendes Quartier angeblich gerade um die Ecke zeigen. Da ich gerade am Essen war und nichts anderes zu tun hatte, sagte ich, wohl in einem Anfall von Naivität und Gutgläubigkeit, ja, auch weil er in die Richtung meines Hotels zeigte, in welche ich ohnehin laufen wollte. Mir war aber klar, dass er dann wohl etwas dafür möchte. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er, ich könne ja am Schluss zahlen, was es mir wert sei. Ab nun wurde es für mich etwas schwieriger, ihn abzuwimmeln, denn da ich ihn nicht gleich zu Beginn abgewimmelt hätte, warum würde ich es dann jetzt tun? Wir liefen einige Strassen abwärts und ich fragte ihn ein paar Mal, wie weit es noch sei. Selbstverständlich war ich extrem vorsichtig und schaute darauf, dass wir nur an Orte hingingen, wo genug andere Leute waren, ansonsten hätte ich sofort angehalten und gesagt, ich wolle nicht weitergehen. Zudem überprüfte ich in regelmässigen Abständen, dass die Reissverschlüsse meiner Hosentaschen, in welchen sich mein Portemonnaie und mein Telefon befinden, weiterhin verschlossen waren. Er zeigte mir unterwegs einige Gassen und erklärte mir ein paar Sachen über die Stadt, die nicht uninteressant waren, trotzdem fragte ich ihn immer wieder, wo er denn nun hinwolle. Als er dann «beiläufig» von seiner kranken Tochter zu erzählen begann, wurde es mir klar, dass ich wohl definitiv in eine «arnaque» hineingelaufen war. Ich dachte, ich lasse ihn die Tour noch beenden und entscheide danach, ob und wie viel ich ihm dafür bezahle. Er erzählte dann noch, verschiedene Fernsehkanäle hätten ihn bereits porträtiert. Die Beiträge des Westschweizer Fernsehens (RTS, dessen Name er nicht kannte) seien offenbar am 18. Juni 2018 ausgestrahlt worden. Selbstverständlich waren diese bei späterer Nachforschung online nicht auffindbar. So ging es dann einige Zeit weiter, bis er mich am Schluss zu einem Friedhof brachte, auf den normalerweise offenbar keine Touristen dürfen. Auch das stellte sich später als Schwachsinn heraus, zudem ging ich abermals nur mit, weil ich andere Leute (Lokale und Touristen) dort sah. Dort angekommen meinte er nun, ich solle nun zahlen und die Leute gäben normalerweise 600 Dirham (umgerechnet ca. 60 Euro). Ich gab ihm 15 Euro und meinte, das sei der Betrag, der mir der 20-minütige Rundgang wert sei. Dazu muss man wissen, dass das hier viel Geld ist und er davon zweimal im Restaurant, oder zehnmal beim Sandwich-Imbiss essen könnte. Zurück im Hotel war ich genervt über mich selber und darüber, abgezockt geworden zu sein, obgleich ich auch zufrieden damit war, kein Risiko eingegangen zu sein. Die Geschichte ist aber hier noch nicht ganz zu Ende.

Nachdem ich mit dem netten Hotelbesitzer Salah etwas darüber gesprochen hatte, habe ich mich entschlossen, doch noch die Stadt richtig(!) besichtigen zu gehen. Erstmals ging es durch die schönen Gassen von Rabat.

Ich lief also los zum «unvollendeten» Hassan-Turm aus dem 12. Jahrhundert, welcher Teil der grössten Moschee der Welt hätte werden sollen, diese wurde aber – wie es der Name schon sagt – nie vollendet.

Spannend war auch das Mausoleum des früheren marokkanischen Königs Mohammed V, welches sich gleich daneben befand.

Nicht zuletzt war ich sehr fasziniert von den Neubauten, welche gleich neben dem Mausoleum und dem Hassan-Turm errichtet wurden und werden. Einerseits gibt es da das «Grand Théâtre de Rabat» welches nach ca. 12 Jahren Bauzeit kürzlich fertiggestellt wurde für die bescheidene Summe von 250 Millionen Dollar. Leider ist aber aktuell der König Marokkos nicht in guter gesundheitlicher Verfassung, so dass die Eröffnung des Theaters wohl noch eine Weile dauern kann… Andererseits befindet sich, nicht weit vom «Grand Théâtre» entfernt, der sich noch im Bau befindende Turm Mohammed VI, der wie viele andere Bauwerke auch nach dem König Marokkos benannt ist, in diesem Falle nach dem aktuellen König Mohammed VI. Der Turm ist mit seinen 250 Metern Höhe der zweithöchste Turm Afrikas, nach dem «Iconic Tower» (394 Meter), welcher ebenfalls im Bau ist und sich in der neuen administrativen Hauptstadt Ägyptens befindet.

Da mich auf dem ganzen Weg die Geschichte mit der «arnaque» vom Mittag weiter beschäftigte und ich keine mafiösen Machenschaften unterstützen möchte, entschloss ich mich, nochmals zurück zur Hauptstrasse der Medina zu laufen und den «Guide» aufzusuchen, um mein Geld zurückzufordern. Als ich dort ankam, sah ich ihn mit einer anderen Touristin. Ich stand vor ihn und sagte ihm, wohl ziemlich klar, dass ich mein Geld zurückhaben möchte und dass ich seine Geschäftspraktiken nicht angemessen fände. Da er mich nach dem Grund der Rückforderung fragte, sagte ich ihm, er hätte mich von Anfang bis Schluss angelogen und hätte nur einen arbiträr hohen Preispunkt angesetzt, weil er wusste, dass ich Schweizer bin (die Frage noch der Herkunft stellen sie natürlich immer gerade am Anfang, und ich habe sie auf naive Weise ehrlich beantwortet). Die Touristin verabschiedete sich gleich und war wohl froh um mein Erscheinen, da ich wohl auch sie davon bewahrt habe, abgezockt zu werden. Er war ziemlich eingeschüchtert und zitterte. Zuerst wollte er mir noch glaubhaft machen, er hätte das Geld schon ausgegeben. Das glaubte ich ihm selbstverständlich nicht und beharrte darauf, die 150 Dinar zurückzuerhalten. Auch bei seinem Angebot, 20 Pesos zurückzuerstatten («gleich viel Wert wie Euros») hatte ich nur ein sehr, sehr müdes Lächeln übrig. Ich fragte ihn, ob er möchte, dass ich Rabat in guter oder schlechter Erinnerung verlasse. Das wirkte wohl, allerdings beteuerte er, er hätte das Geld wirklich schon «gaspillé» (verschleudert) und er müsse zum Bankomat. Ich folgte ihm dorthin, glücklicherweise war der nicht weit. Als er dann zurückkam mit lediglich 140 Dinar liess ich ihm die 10 Dinar (= 1 Euro oder 1 Sandwich), das war mir der Rundgang auch etwa Wert. Nun erinnert mich der verlorene Euro daran, mich nie mehr auf irgendjemanden einzulassen, es sei denn, ich habe danach gefragt und der Preis war im Voraus vereinbart. Schade, dass auf diese Weise das Vertrauen der Touristen in die Lokalbevölkerung verspielt wird und ich wohl auch noch einen, am Schluss dieser Geschichte ziemlich verdatterten Opportunisten, «nacherziehen» musste, aber gut, dass ich die Geschichte mit minimalem Schaden überstanden habe.

One Response

  1. Lieber Cyril! Gratuliere. Das nenne ich Zivilcourage- ja man sollte sich nichts bieten lassen, dass einem dann ärgert und sich schlecht fühlen lässt. Ich finde das hast Du gut gelöst und Du hast deinen Blick entwickelt um zu erkennen, wer es ehrlich meint und wer nicht, so dass Du Dich entsprechend verhälst, und Dir gutes widerfährt! Eine schöne Geschichte- das passiert jedem mal, aber nicht jeder verhält sich so! BRAVO