Am Dienstag fuhr ich am frühen Morgen von Oualidia los in Richtung El Jadida und merkte schnell, dass es ein anstrengender Tag werden würde. Entgegen der Wettervorhersage war es bewölkt, worin die Wettervorhersage jedoch richtig lag, war der Gegenwind, welcher bereits am Morgen begann und im Verlauf des Tages immer stärker wurde. Aufgrund der vielen schönen Eindrücke der vergangenen Tage und in der Hoffnung auf weitere schöne Erlebnisse entschloss ich mich, die Strecke bis El Jadida (ca. 90 Kilometer) doch zu fahren, was trotz der grossen körperlichen Anstrengung eine gute Idee war. Zunächst fuhr ich von Dorf zu Dorf in einer etwas weniger interessanten, landwirtschaftlich geprägten Gegend. Plötzlich kamen mir Patrick und Rachel entgegen, zwei sehr sympathische holländisch-amerikanische Touren-Radfahrer. Wir tauschten uns rege aus, und sie gaben mir einige nützliche Tipps für die Strecke, wie etwa, dass der Abschnitt zwischen El Jadida und Casablanca eher uninteressant und industriell sei.

Kurz vor El Jadida fuhr ich unerwartet noch an einem gigantischen Kohle-Kraftwerk vorbei, dem Jorf Lasfar, welches mit gut 2 Gigawatt (!) Leistung das grösste Kraftwerk Marokkos ist und ca. 33% des Strombedarfs des Landes abdeckt. Das Kohlekraftwerk ist mit seinen ca. 600 Hektaren das mit Abstand grösste Kraftwerk, welches ich bis jetzt gesehen habe. Schon von weitem erkannte man Dutzende von Türmen an Braunkohle die wohl jeweils etwa so gross sind wie die Giza-Pyramiden. Schlicht atemberaubend, da müssten sich die Klimademonstranten wohl mal besser in anderen Ländern an den Boden oder an Zäune kleben, nur würde man hier über so etwas wohl bloss lachen…





Da ich aufgrund meiner ohnehin schon müden Beine einen Tag Pause plante und doch weiter vorwärtskommen wollte, änderte ich spontan meine Pläne und fuhr am Abend mit dem Bus nach Casablanca weiter. Dazu gibt es zu sagen, dass mir der Zug lieber gewesen wäre, allerdings ist der Radtransport laut offizieller Kommunikation per Zug verboten, sofern es sich nicht um ein Faltrad handelt (Telefon-Hotline, online findet man dazu keine Informationen). In einem Forum las ich hingegen, Fahrrad-Transport sei in mindestens 80% der Busse möglich. Also fuhr ich zum Busbahnhof, welcher gelinde gesagt ein absolutes Chaos war. Bereits beim Ankommen wird man von verschiedenen Seiten her angesprochen, oder eher angeschrien, wohin man gehen wolle, und alle wollen einen vermitteln. Wie so häufig wimmelte ich erstmals alles ab und fuhr etwas weiter, wo mir eine nette junge Frau zu Hilfe kam. Ich wurde von einem Mann in einen Bus eingewiesen, wo ich mein Fahrrad im Gepäckfach “parkieren” konnte. Selbstverständlich wollte dieser Mann noch Trinkgeld. Insgesamt kostete mich die Fahrt aber lediglich 50 Dirham, also etwa 5 Franken. Als ich endlich im Bus war, ging es etwa nach 10 Minuten bis zur Abfahrt, obwohl der Bus schon zuvorderst in der Reihe und halbwegs am Einspuren in die Strasse war. Offenbar fahren die Busse hier nicht nach Zeitplan, sondern erst, wenn sie halbwegs voll sind, also, sobald es wirtschaftlich für sie sinnvoll ist. Während dieser Wartezeit hörte man von draussen ein wildes Durcheinander von Schreien und Leuten, die potentielle Kunden abfangen und ihren Mitstreitern abwerben wollten, und sich wohl darum stritten, wer nun wen vermittelt hat. Ein völliges Chaos!! 😂
Mich hat das Ganze nicht weiter gestresst, ich wusste ja, dass der Bus dann irgendwann losfährt und war froh, noch am gleichen Abend in Casablanca anzukommen. Mein Hotel in Casablanca war ca. 10 Kilometer vom Busbahnhof entfernt, also fuhr ich mit Leuchtweste und gutem Licht um ca. 20 Uhr noch bis dort, was problemlos ging.
Unglaublich, dass ich nun seit erst einer Woche unterwegs bin! Es fühlt sich an, als wäre es schon viel länger her, seit ich in Marokko angekommen bin. Ich bin sehr dankbar dafür, dass bisher alles gut verlief und ich mich auf dem ganzen Weg auf viele hilfreiche und nette Menschen verlassen konnte, al-hamdullilah!